Jubiläumsveranstaltung "20 Jahre BayCIV: Hören – Verstehen – Genießen"

von Regine Zille

Die Jahrestagung 2017 des Bayerischen Cochlea Implantat Verbands stand in diesem Jahr als Jubiläumsveranstaltung unter einem ganz besonderen Motto: "20 Jahre BayCIV: Hören – Verstehen – Genießen" und fand am 24. Juni 2017 im Bürgersaal in München-Fürstenried statt.

Vor 20 Jahren kämpften die Menschen in Deutschland und Polen gegen das dramatische Oderhochwasser. Und wuchsen dabei in ihrer Hilfsbereitschaft über sich hinaus.

Vor 20 Jahren trauerten die Menschen auf der ganzen Welt um Prinzessin Diana, der Königin der Herzen. Eine Frau, die es verstand mit Empathie und Warmherzigkeit Hoffnung zu geben.

Und vor 20 Jahren entstand mit der Gründung des BayCIV als erster DCIG-Regionalverband ein Rettungsanker für ertaubte und gehörlose Menschen in Bayern. Gegründet wurde der BayCIV unter der Federführung von Franz Hermann† sowie von Professor Dr. Jürgen Strutz, Professor Dr. Joachim Müller, Dr. Heike Kühn-Inacker, Dr. Martina Junius, Hubert Krepper, Dr. Ulf Anscheit† und Hanna Hermann.

Unterstützung mit Rat & Tat, Verständnis füreinander und Hilfsbereitschaft untereinander sind seitdem "vor Ort" in den Selbsthilfegruppen des BayCIV in ganz Bayern für die Menschen erreichbar, erlebbar, greifbar. In den 20 Jahren seines Bestehens hat der BayCIV unermüdlich daran gearbeitet, Menschen mit einer Hörbehinderung zu unterstützen, aufzufangen, zu beraten und überhaupt Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten.

Vor 20 Jahren war es noch ein enormer Makel, mit sichtbaren Hörgeräten (HdO) versorgt zu sein. Der "Makel" der Schwerhörigkeit wurde verschämt versteckt, Hörgeräte am besten im Nachttisch aufbewahrt oder nur getragen, wenn sie durch Haare verdeckt und somit "unsichtbar" wurden. Von Cochlea Implantaten hat damals kaum ein Mensch, der nicht von dramatischer Schwerhörigkeit oder Taubheit betroffen war, gehört. Und selbst Betroffene wussten kaum etwas über diese Technik.

Dabei begann die Erfolgsgeschichte des Cochlea Implantats bereits vor fast 40 Jahren.

  • 1978 wurde die Technologie von der Universität Melbourne eingeführt (Quelle: http://www.oessh.or.at/hoerspuren/ci)
  • 1985 wurde bereits der sechste Patient in Europa implantiert (Quelle: http://www.hcig.de/startseite/die-hcig/geschichte/cochlea-implantation-wie-alles-begann/)
  • 1987 wurde die Deutsche Cochlear Implantat Gesellschaft e.V. (DCIG e.V.) gegründet.
  • 1997 wurde als erster DCIG-Regionalverband der Bayerische Cochlea-Implantat-Verband e.V. (BayCIV e.V.) ins Leben gerufen.

Seit nunmehr 20 Jahren kämpft er unermüdlich gegen das große Misstrauen hinsichtlich einer CI-Versorgung sowohl in der Politik, bei den Sozialversicherungsträgern als auch bei den Betroffenen selbst.

Das 20jährige Bestehen des BayCIV ist daher ein wunderbarer Grund, die Entwicklungen und Erfolge in der CI-Versorgung zu würdigen und im Rahmen einer Jubiläumsveranstaltung gemeinsam gebührend zu feiern.

Die Organisatoren der Jubiläumsveranstaltung haben unter viel Einsatz und Engagement ihren Gästen eine Feier geboten, die ihresgleichen sucht. Wenn an einem heißen Sommertag sieben Stunden Festprogramm kurzweilig verfliegen und abends mit Erstaunen festgestellt wird, dass der Tag bereits vergangen ist, dann sagt dies mehr als 1000 Worte über diese wirklich gelungene Festivität.

Regine Zille, Vorsitzende des BayCIV, kündigte bereits in ihrer Begrüßungsrede spannende Gäste, Vorträge und auch Überraschungen an. Die Jubiläumsveranstaltung stand unter dem Motto "Hören – Verstehen – Genießen". In diesem Sinn waren die Vorträge in thematische Blöcke aufgeteilt, die über den Tag verteilt hochinteressante Informationen und Rückblicke bereit hielten.

Im Begrüßungsblock berichteten Dr. Dietmar Gruchmann, Schirmherr und 1. Bürgermeister der Stadt Garching, Aleksandar Dordevic, Behindertenbeauftragter im Landkreis München, Thomas Bannasch, Geschäftsführer Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Bayern sowie (etwas zeitversetzt am Nachmittag) Dr. Roland Zeh, Präsident des DCIG aus ihren jeweiligen Perspektiven von ihren Erfahrungen im Umgang mit Hörbehinderungen oder hörbehinderten Menschen.

Natürlich bekamen auch einige (ärztliche) Gründungsmitglieder des BayCIV ihren eigenen Vortragsblock.

Im thematischen Umfeld "Hören" fesselten uns Prof. Jürgen Strutz (Regensburg) mit seinem Beitrag "Hörscreening in Bayern – der Schlüssel zum Erfolg bei angeborener hochgradiger Schwerhörigkeit und Ertaubung" sowie Prof. Joachim Müller (Klinikum Großhadern, München) – ein Pionier der CI-Versorgung mit Herz, Leib und Seele – mit seinem spannenden Bericht "Die Versorgung mit CI von 1997 bis heute".

Adelheid Braun beschrieb Professor Müller und seine Leidenschaft für Cochlea-Implantate in ihrem kleinen Ratespiel wunderschön: "In CI-mäßig gesehen - grauer Vorzeit - verliebte er sich in die damals noch klobigen Taschengeräte. War fasziniert davon, dass man mit ihrer Hilfe wieder ein aktives Leben führen kann. Er beobachtete jede Veränderung, nahm an jeder Weiterentwicklung Anteil, so wie ein Vater mit Wohlgefallen und Stolz seine hübsche heranwachsende Tochter betrachtet."

Aus dem thematischen Umfeld "Verstehen" ergänzte Prof. Ulrich Hoppe (Erlangen) die Vortragsreihe mit seiner Darstellung "Vom Hören zum Verstehen".

Nach soviel faktischen Informationen wurde es im Anschluss Zeit, den Vormittag mit einem emotionalen Teil fortzusetzen. Langjährige Mitglieder des BayCIV wurden verabschiedet oder mit einer Laudatio, einem kleinen Ratespiel, einer Urkunde und einer Ehrennadel gewürdigt. Ganz besonders, stellvertretend für alle engagierten BayCIV-Mitglieder der ersten Stunde möchte ich auch hier Prof. Müller nennen, der mit seinem Engagement für die CI-Versorgung in Deutschland unendlich viel für uns hörgeschädigte Menschen getan hat und dem wir alle zu tiefen Dank verpflichtet sind. Denn sein Einsatz hat maßgeblich dazu beigetragen, dass wir, die Mitglieder des BayCIV und alle mit CI versorgten Menschen in den Genuss kommen konnten, mit dieser wundervollen Technik wieder an der Faszination des Hörens & Verstehens teilhaben zu können.

Nach diesen kurzweiligen und so interessanten Programmpunkten leiteten die Gruppenmitglieder der Tanzgruppe "Tanz und Rhythmus mit Birgit" mit einem Klatschspiel in die Mittagspause über.

Alle Gäste der Jubiläumsveranstaltung wurden vom BayCIV zu einem Mittagessen eingeladen, bei dem wir aus drei verschiedenen Gerichten wählen konnten.

Damit wir nach der Mittagspause gar nicht erst den Wunsch verspürten ein kleines Schläfchen halten zu wollen, haben uns die Gruppenmitglieder des SHG Passau aus diesem Moment des Schwächelns mit ihrer flotten, mitreißenden Zumba-Aufführung zum Mitwippen animiert. Und schon war der kleine Durchhänger vergessen!

Und danach gab es ein ganz besonderes Schmankerl. Der MuCIs-Chor unter der Leitung von Barbara Roberts verwöhnte uns mit einer ganz besonderen musikalischen Darbietung. Ganz besonders deshalb, weil dieser Chor es trotz der Hörbehinderungen der Mitglieder geschafft hat, sensibel, sentimental, stimmungsvoll und hinreißend Musikstücke einzustudieren, die für mich ein ganz besonderer Genuss gewesen sind. Mein liebstes Lied, dass ich eigentlich furchtbar gern noch einige Mal in der Wiederholung gehört hätte, war mit Abstand der wunderbare spanische Song "Un poquito cantas" – "Ein kleines Lied". Ein Sombrero auf der Bühne sorgte für die richtige mexikanische Stimmung, Barbara Roberts begleitete stilvoll auf der Gitarre und der MuCIs-Chor kantonierte gefühlvoll.

Spannend auch, was alles aus einem "Obstsalat-Lied" herausgeholt werden kann. Fünf Worte nur: Mango, Kiwi, Ananas, Banane und hmmm....

Und ein stimmungsreiches, gute-Laune-machendes Lied ist musikalisch auch für schwerhörige/taube/gehörlose/mit CI versorgte Menschen "genießbar".

An diese Stelle möchte ich auch erwähnen, dass die gesamte Veranstaltung über FM-Anlage, Gebärdensprachendolmetscher und auch Schriftdolmetscher verfolgt werden konnte. Interessant für mich, die ich der Gebärdensprache nicht mächtig bin, war der Körpereinsatz der Gebärdensprachendolmetscher bei der Übersetzung der Musikstücke in die Gebärdensprache. Stehend bewegten sie sich rhythmisch zu der Musik und gebärdeten dabei gleichzeitig den Liedinhalt. Aus meiner Sicht war dies eine absolute Meisterleistung, die ich an dieser Stelle ganz explizit würdigen möchte.

Mit Musik ging es im Anschluss auch weiter. Der wunderbar sanfte Jazz von "Barbara Roberts & Band" begleitete uns bis zur Kaffeezeit am Nachmittag. Wunderschöne Musikstücke, gefühlvoll intoniert von Barbara mit ihrer samtigen, sehr sanften und melodiösen Stimme, voller Emotion. Begleitet von ihrer Band am Flügel, am Kontrabass, am Schlagzeug und am Saxofon.

Diese Zeit der musikalischen Entspannung gab uns die Möglichkeit, uns einfach der Musik hinzugeben, uns mit anderen Besuchern auszutauschen oder auch die Informationsstände der CI-Firmen MedEL, Cochlear, Advanced Bioncis, Oticon, Terzo, der Technischen Universität München, oder des BLWG, um nur einige zu nennen, zu besuchen.

Auch der Nachmittag hielt wieder einige interessante Vorträge bereit.

Hanna Hermann, langjährige Chefredakteurin der Fachzeitschrift Schnecke, führte uns in ihrem Vortrag "20 Jahre BayCIV" noch einmal den Werdegang und die Erfolge des BayCIV vor Augen. Weitere Fachvorträge folgten von Dr. Wirth (Klinikum rechts der Isar), Prof. Hemmert (TU München).

Fast am Ende des langen Tages angelangt wurden von den Unternehmen Cochlear, MedEL, Advanced Bionics & Oticon noch kurze Glückwünsche an den BayCIV übermittelt. Besonderen Dank an dieser Stelle an die Firma Cochlear für die großartige Geburtstagstorte, die Regine Zille überreicht wurde. Auch der BLWG und Jochen Müller ließen es sich nicht nehmen, dem BayCIV zu gratulieren.

Ermöglicht wurde die Veranstaltung durch die Förderung der Techniker Krankenkasse, deren Leiter der Landesvertretung Bayern, Christian Bredl an diesem Tag leider nicht persönlich anwesend sein konnte.

Der offizielle Teil der Jubiläumsveranstaltung fand mit einer Einlage der CI-Tanzgruppe unter der Federführung von Birgit Möller-Arnsberg ein Ende. Es war ein langer, sommerlich-heißer Tag, der sich nun dem Ende entgegen neigte. Angefüllt mit vielen Informationen, aber vor allem auch Emotionen. Was täten wir, die mit CI-versorgten Menschen, ohne den BayCIV, ohne unsere Selbsthilfegruppen? Unser Leben wäre ohne die Unterstützung die wir dort finden ein Stück weit schwieriger.

In diesem Sinn verbeuge ich mich vor den Leistungen des BayCIV und in Dankbarkeit dafür, dass durch die Gründung des BayCIV vor 20 Jahren, wir heutigen CI-Träger von den Erfahrungen dieser vielen Jahren profitieren dürfen und Unterstützung finden, wenn wir sie brauchen.

Danke, BayCIV, dass es Dich gibt!

Bericht und Bilder: Susanne Kämmner

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