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Gutes Hören ist die Voraussetzung für lautsprachliche Kommunikation. In den letzten Jahren hat eine rasante Entwicklung sowohl in der Hörgerätetechnologie als auch in der operativen Versorgung einer Hörbehinderung mit Cochlea-Implantaten stattgefunden. Gemeinsam luden deshalb der Bayerische Cochlear Implant Verband und die Selbsthilfegruppen MuCi’s, Bayerisches Oberland und JuGru München in Zusammenarbeit mit dem Klinikum rechts der Isar zu einer Informationsveranstaltung in München ein.
Frau Regine Zille, die sowohl bei den MuCi’s als auch im BayCIV aktiv ist, begrüßte und verwies auf die von der Firma Jaggo Media verlegten Ringschleifen. Sie bedankte sich auch bei den Firmen Advanced Bionics, Cochlear und MedEL, die die Veranstaltung unterstützten. Frau Zille gab ihrer Freude Ausdruck, dass Vertreter der Kliniken Rechts der Isar wie auch Großhaderns und des Kinderzentrums dabei seien und betonte aus persönlicher Sicht, wie wichtig das Hören für die Lebensqualität des Einzelnen sei.
Dr. Stark, Klinikum rechts der Isar, dankte Frau Zille für die Organisation und moderierte die medizinischen Vorträge.
Wie funktioniert Hören? - Dr. E. Krause, Klinikum Großhadern, definierte Hören und erklärte Aufbau und Zusammenhänge des Hörorgans in einer auch für Laien klar verständlichen Weise.
Welche Erkrankungen führen zu welchen Hörstörungen? – Dr. Lisa Tinz, Klinikum Rechts der Isar, sprach über Schallleitungsschwerhörigkeit, bei der eine Blockade im äußeren oder im Mittelohr vorliegen muss, über Schallempfindungsschwerhörigkeit, deren Ursache im Innenohr zu suchen sei, Kombinationen aus beidem sowie einer zentralen Hörstörung.
Operative Behandlungsmöglichkeiten von Hörstörungen
Dr. Th. Stark, Klinikum rechts der Isar, sprach insbesondere über Otosklerose (Wiederherstellung der Schallleitung), die Probleme, die durch chronischen Mittelohrentzündungen auftreten und auch über die nachlassende Funktion der Haarzellen im Innenohr, die eine Versorgung mit Hörgeräten notwendig macht. Er zeigte ein Baha (knochenverankertes Hörgerät)sowie ein implantierbares Hörgerät und sprach auch über die operative Wiederherstellung der Ohrmuschel.
In Bezug auf das CI verwies Dr. Stark darauf, dass die Indikation für ein CI die Hilfe für die Kommunikationsfähigkeit sei. Er erläuterte auch die Möglichkeit der bimodalen und bilateralen Versorgung.
CI-Nachbehandlungskonzept für Säuglinge, Kleinkinder und Kinder im Kinderzentrum München – Dr. A. Nickisch, selbst im Kinderzentrum tätig, beschrieb die Zusammenarbeit der Kliniken Großhadern/Kinderzentrum und dem Klinikum rechts der Isar. Er beschrieb das Konzept der Anpassung und Sprachförderung unter Einbeziehung der Eltern und der Teams aus den Bereichen der Pädaudiologie, Psychologie, Sozialpädiatrie, Musiktherapie, Sprachheilpädagogik und Logopädie. Dr. Nickisch verwies auf den weiten Weg von der Wahrnehmungsförderung hin zum Kommunizieren durch Sprache. Und er verwies auch auf die Entwicklung der Erfahrungen mit Kindern; während im Jahr 2004 gerade 20 Kinder im Kinderzentrum behandelt wurden, waren es 2009 bereits 238 Kinder. Dr. Nickisch betonte, dass auch Kinder mit geistiger Behinderung von der CI-Versorgung profitierten, wenn auch hier Schwierigkeiten beim Sprachverständnis blieben.
Neugeborenenhörscreening – Prof. Dr. H. P. Niedermeyer, Klinikum rechts der Isar berichtete, dass ein bis zwei von 1.000 Neugeborenen mit bleibender Hörstörung zur Welt kämen. Dank des Hörscreenings konnten Zeitpunkt der Erkennung und Versorgung (vor wenigen Jahren noch 23 bzw. 36 Monate) wesentlich reduziert werden. Prof. Dr. Niedermeyer zeigte die Vorgehensweise beim Hörscreening in einem Video, das deutlich zeigte, wie sich die Zellen bei akustischen Reizen zusammenziehen. Kinder, die bei diesem Test auffällig seien, würden später genauer untersucht (BERA). Mittlerweile treffen aus allen Geburtskliniken Bayerns Informationen über die Tests ein und auch alle freien Hebammen sind informiert. Durch den Eintrag im U-Heft wird die Durchführung des Neugeborenhörscreenings dokumentiert.
Entstehung von Hörstörungen in der frühen Kindheit – Dr. J. M. Hempel, Großhadern beleuchtete am Beispiel der 4-jährigen plötzlich schwerhörigen Moni die Hintergründe für genetisch bedingte Hörschädigung. Er ging ausführlich auf dominante und rezessive Vererbung und Gendiagnostik ein. Dr. Hempel zeigte auf, dass angelegte Schwerhörigkeit durch kleine Ereignisse ausgelöst werden könnten und appellierte an Ärzte, die Eltern ernst zu nehmen, die den Verdacht einer plötzlich auftretenden Hörschädigung äußerten.
Altersschwerhörigkeit und Möglichkeiten ihrer Behandlung – Dr. Claudia Teschke, Klinikum rechts der Isar, sprach nicht nur über Altersschwerhörigkeit, sondern auch über eintretende Hörschädigung im Erwachsenenalter. Sie beleuchtete Ursachen wie Lärm, Hörstürze, Vererbung, Meningitis oder die Einnahme ototoxischer Antibiotika ebenso wie die Beobachtung, dass Betroffene eine beginnende Schwerhörigkeit oftmals nicht ernst genug nähmen. Sie forderte dazu auf, auf jeden Hörverlust zügig zu diagnostizieren und adäquat zu reagieren. Schließlich bringe auch ein unversorgter geringgradiger Hörverlust eine hochgradige Einbuße im Sprachverstehen.
Nach der Mittagspause moderierte Christl Vidal. Es spielte zunächst die Band
Supanova. Diese nur aus schwerhörigen Jugendlichen bestehende Band
unterhielt das Publikum auch am Ende der Veranstaltung mit „Get up“ und
weiteren mitreißenden Songs.
Seelsorge und Begleitung von
Hörgeschädigten – Diakon M. Romanow von der kath.
Hörgeschädigtenseelsorge München stellte die Angebote der katholischen
Kirche vor, die speziell auf Hörgeschädigte abgestimmt sind, wie
beispielsweise die Wortgottesdienste jeden ersten Sonntag im Monat um
10:00 Uhr. Er verwies auf regelmäßige Mitteilungen in der Broschüre „Der
Blick“, auf eine mehrtägige Veranstaltungen für Jugendliche im Bay.
Wald, Reisen und das Jugendcafe.
CI-Reha in der Praxis,
Sprachtherapie für Hörgeschädigte – T. Hubert und C. Häußinger,
Therapeutinnen aus der Praxis Roland Hanik, gingen hauptsächlich auf die
Therapieschwerpunkte wie Artikulation, Stimmpflege, Absehtraining und
–gerade bei CI-Trägern – die Entwicklung des Hörens ein. Sie
verwiesen auch darauf, bei Kindern mit Zusatzbehinderung mehr visuelle
Hilfen einzusetzen, um ihrem Ziel, dem Aufbau von Kommunikation, gerecht
zu werden.
Sketch - Die JuGru München, vertreten durch
Anna, Jana, Tobi, Lisa und Franzi stellte die Kommunikationsprobleme
Hörgeschädigter dar und ebenso die Umkehrung: einen hörenden jungen
Mann, der seine hörgeschädigte Freundin zu einer Feier begleitete und in
einer Gruppe gebärdender junger Damen nichts mehr verstand. „Doppelt
gemoppelt hält besser“ lautete die Botschaft an das Publikum oder auch:
CI + Gebärde macht flexibel.
Andershörend: Was bedeutet es
schwerhörig zu sein? – Anja Kittlitz, Studentin der LMU München,
betrachtete in ihrem Vortrag das Thema aus kultureller Sicht und schloss
mit der Ansicht, schwerhörig zu sein bedeute in einer besonderen Art
und Weise über seinen Körper zu denken, ihn wahrzunehmen und mit ihm
umzugehen.
Samuel-Heinicke-Realschule – einzige Realschule für
Schülerinnen und Schüler mit Förderschwerpunkt Hören in Bayern – Tobias Scheffler von der SHR München gab einen Einblick in die
Struktur der Schule, die seit 2006 sowohl schwerhörige als auch
gehörlose Schüler unterrichtet. Eingebunden sind auch Schüler mit
Sprachproblemen und ein kleiner Teil normalhörender Schüler. 450 Schüler
werden in 45 Klassen unterrichtet. Jede Klasse hat maximal 12 Schüler,
die im Halbkreis sitzen. Dauer der Schulzeit und Anforderungen
entsprechen dem Regellehrplan. Die aktuelle, technische Ausstattung
ermöglicht zeitgemäßen Unterricht. Die Schüler werden auch bilingual
gefördert. Herr Scheffler verwies auch auf den mobilen Dienst für
Kinder an Regelschulen und die angeschlossene Beratungsstelle BEST.
Studium
mit Hörbehinderung, wie schlage ich mich durch? – Anna Stangl,
Psychologie-Studentin und CI-Trägerin aus München berichtete über die
gravierend andere Situation, die der Wechsel von der Schule zu Studium
mit sich brachte. Sie kommt zurecht durch Hilfen wie FM-Anlage und
Gebärdendolmetscher, vor allem aber durch viel eigenständiges
Nacharbeiten von Informationen. Das Studium verlange hohe Konzentration
und großen Energieaufwand und bedeute eine ständige Konfrontation mit
der einenen Hör-BeHINDERung. Deshalb sei der Kontakt mit anderen
hörgeschädigten Studenten besonders wichtig.
Alle Chancen
nutzen – Ausbildungsbegleitung für junge CI-Träger – Nina Riedel,
BBW München, nannte zunächst die 4 Säulen, auf denen das BBW aufbaut:
die Werkstätten mit den verschiedenen Berufen, die Berufsschule, die
Wohnmöglichkeiten und die begleitenden Fachkräfte. Sie beschrieb die
Unterstützung bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz und Information
der Betriebe.
Mit den Klängen von Supanova endete die
Veranstaltung. Die Themen fanden Interesse quer durch alle Altersstufen.
Gekommen waren – trotz des herrlichen Wetters – über 180 beruflich
Interessierte, CI-Träger und Schwerhörige. In den Pausen war zu spüren,
dass CI-Träger und Schwerhörige gemeinsam an ihren doch sehr ähnlichen
Problemen arbeiten.