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"CI hört CD"

Vorläufige Bilanz unseres logopädischen Projekts:
„Hören klassischer Musik“


Autoren:  
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    Antonia Endres   Maximilian Egger
    staatl. geprüfte Logopädin  

StD a.D., CI-Träger seit Dezember 2008

Ort:

Augsburg / Aichach

   
Zeitraum:      24.09.2009 – 28.4.2011
   

 

In der Fachzeitschrift „Nature Neuroscience“ veröffentlichten kanadische Wissenschaftler eine Untersuchung, in der nachgewiesen wird, warum Musik in allen menschlichen Gesellschaften einen hohen Stellenwert genieße.
Computertomographische Aufnahmen zeigen, dass beim Erklingen von Lieblingsmusik eines Probanden der Botenstoff Dopamin im Belohnungszentrum des Gehirns, dem mesolimbischen System, verstärkt ausgeschüttet werde. Selbst die Vorfreude auf eine besonders geschätzte Melodienfolge bewirkt bereits eine solche Ausschüttung. Die Freisetzung sei umso größer, je stärker sich der Hörer mit der Musik identifiziere.

Müssen CI-Träger auf glücklich machende Musik verzichten?

Zunächst schaut es ganz danach aus!
Wer könnte es besser formulieren als Goethes Mephisto im Faust:
„Misstöne hör ich! Garstiges Geklimper“ als er die himmlische Heerschar hört.
Im Zentrum der Logopädie steht nach der Cochlea-Implantat-Versorgung in erster Linie das Wiederherstellen des Sprachverstehens. Durch die stetige Weiterentwicklung der CI´s und der logopädischen Therapieinhalte hat es dazu geführt, dass viele hochgradig schwerhörige Patienten nun in der Lage sind, Sprache zu verstehen und damit viele Alltagssituationen mühelos zu meistern (Führen von Einzel- sowie Gruppengesprächen, Telefonieren, etc).
Wenn ein gutes Sprachverstehen eintritt, bleibt dennoch für viele Patienten oft ein schmerzliches, die Lebensqualität erheblich beeinträchtigendes Defizit:
Das Hören von Musik.
Wo finde ich hierfür Hilfe und Unterstützung?
In diesem Bericht möchten wir Ihnen nun darstellen, wie Patienten mit einer Cochlea Implantat- Versorgung Musik zunächst wahrnehmen und wie ein neues Musikhören durch eine erfolgreiche logopädische Therapie in gemeinsamer Erarbeitung zwischen Therapeut und Patient wieder möglich gemacht wurde.

Die erste Phase der Begegnung eines CI-Trägers mit Musik, mag sie live erklingen oder von einem Tonträger abgespielt werden, erfolgt in der Form einer Kon-frontation. Das Wort bedeutet eigentlich „feindliche Auseinandersetzung“ und als solche ist sie für den Hörer schockierend.
Die Töne, gleich ob Stimme oder Instrument, klingen undifferenziert, schneidend, blechern, kratzig, scheppernd, unwirklich / unnatürlich, technisch-kalt. Melodien, auch noch so einfache wie z.B. „Hänschen klein“, sind nicht identifizierbar. Instrumente sind an ihrer typischen Klangfarbe nicht erkennbar, im Orchesterband als Klanggruppen nicht wahrnehmbar. Der Hörer empfindet eine musikalische Darbietung mit mehreren Instrumenten als kakophonen Klangbrei. Zudem kommt, dass bei Opern die Sänger-/innen wie mittelmäßige Sprecher klingen.
Der bisher gewohnte und gehörte, fast als grenzenlos empfundene Klangraum wird zusammen mit dem Klangvolumen verkürzt, beschnitten und eingeengt zu einem winzigen spröde hallenden Gehäuse.
Die erste Konfrontation mit Musik endet also regulär mit einem Schockerlebnis.
Nach mehreren gleichartigen Hörversuchen kommen wohl die meisten zu dem Entschluss: „Nein! So nicht! Nicht mehr! Nie wieder!“

Die zweite Phase, die passive Destruktion, hat beim CI-Träger eingesetzt. Destruktion bedeutet „Abbau“, „Zersetzung“. Da der CI-Träger die Reduzierung der bisher lebenslang gewohnten Tonqualität als einen gewaltigen, seine Wohlbefindlichkeit und vor allem sein seelisches Gleichgewicht erheblich mindernden Verlust empfindet, versucht er alles das Gehör Schmerzende zu meiden und davor zu fliehen. Ist er dazu nicht in der Lage, kommen Aggressionen gegenüber allem auf, was früher als „wohlklingend“ empfunden wurde. Musik, die ausgleichen, beschwingen, belohnen und glücklich machen soll, mit der man auch seine gegenwärtige psychische Situation identifizieren und therapieren kann, wird als unangenehm, ja als Strafe empfunden. Neidkomplexe gegenüber denen, die „normal“ hören, treten auf.
Man kann die destruktive Phase natürlich als schicksalsgegeben akzeptieren, ergeben-passiv, hilflos und zugleich trostlos auf „seine“ Musik verzichten. Bestenfalls kann man sich umorientieren, aber ein echter Musikliebhaber, vor allem ein Klassik-Hörer wird von seiner Passion nicht lassen können, er wird nervös, wenn die Festspielzeit jährlich anbricht und wenn die Programme und Karten verteilt werden…
Der Berichterstatter hat sich nicht damit abgefunden, in schicksalhaften grauen nordischen Pessimismus zu versinken.

Er hatte das Glück, Dank und mit Hilfe verständnisvoll-kompetenter Logopädie sich eine neue Hörwelt der Musik aufzubauen. Er trat also ein in eine – wenn auch ungewöhnliche – dritte Phase, der der Konstruktion. Die Entwicklung eines neuen Musikhörvermögens und Klangraumes ist aufregend und auch immer wieder mit Enttäuschungen verbunden.
Vorläufiges Zwischenergebnis dieses Projektes war der Zufriedenstellende Besuch von zwei Aufführungen der Bayreuther Festspiele 2010. Ein weiterer 2011 steht schon fest- die Dopamine werden bereits durch die Vorfreude wieder ausgeschüttet!

Wie geht nun die Konstuktion des neuen Hör-Klang-Gebäudes vor sich?

Es gibt fünf goldene Regeln, die v.a. zu Beginn der Therapie eines jeden Patienten verinnerlicht werden müssen. Diese Grundsätze begleiten den Patienten stets in der gesamten Therapie und werden immer wieder aufgegriffen und auf neue Therapieinhalte übertragen.

1. Regel: Es gibt im Bereich der Töne und Klänge kein Zurück und keine Vergangenheit mehr:
Legen Sie radikal Ihre bisherigen Hörgewohnheiten ab und vergessen Sie rigoros alles bisher lieb gewonnene Gehörte. Ein Grundsatz, der gerade zu Beginn der Therapie für viele Patienten schwer umzusetzen und v.a. zu akzeptieren ist.
Lassen Sie alles scheppernd, krachend, kratzend, krächzend über sich ergehen! Sie werden es nicht immer so empfinden!
Es gibt nun nur noch ein Vorwärts, eine Zukunft, etwas Anderes! Hier setzt die Logopädie ein!

2. Regel: Gehen Sie an die neue Klangwelt mit der Naivität eines Kindes heran!
Ein Kind entdeckt seine Umwelt durch Neugier und Wissensdrang und erforscht diese ohne jegliche Ansprüche, Erwartungen und Hoffnungen. Es versucht stets alles zu entdecken, genauestens kennen zu lernen und zu erforschen.
Versuchen Sie Ihre neue Klangwelt nun auch zu entdecken und kennen zu lernen.
Lassen Sie sich auf diese Klangwelt ein und auf sich zukommen! Ihre Kritikfähigkeit als Erwachsener steht Ihnen nur hindernd im Wege.

3. Regel: Versuchen Sie den neuen Höreindruck zu akzeptieren, sich mit diesem auseinander zu setzen, immer mehr aus ihm herauszuhören, angenehm zu finden- im Idealfall zu genießen!
O B J E K T I V gesehen wird sich der Klang nicht verändern, das CI ist eine hochkomplizierte Maschine und führt nur das aus, was man ihr einprogrammiert.
Der Klang wird sich allerdings S U B J E K T I V verändern, indem sich die Hörgewohnheiten des Gehirns, das immer lernfähig ist, mit der Zeit und mittels Therapie verändern.
Sie müssen aber zu dieser Neuorientierung ohne Einschränkungen bereit sein. Dann können sie sich keinen anderen Klang als den, den Sie für sich erarbeitet haben, für den Rest Ihres Lebens vorstellen.

4. Regel: Legen Sie KEINEN Zeitrahmen fest und setzen Sie sich dadurch nicht unter Druck!
Im Bereich des Aneignens von Musik gibt es keine zeitliche Begrenzung.
Die Erfahrung bringt mit sich, dass der CI-Träger hierbei nie auslernt und stets neue Erkenntnisse des Höreindruckes gewinnt.

5. Regel: Üben, Üben, Üben!
Üben ist der Schlüssel zum besseren Hören von Musik- sowie von Sprache. Je mehr Musik Sie hören, umso besser wird es klingen.
Ausdauer und Übung sind die Schlüssel für ein besseres Hörvermögen!
Um einen besseren Überblick zu gewinnen, können Sie Ihre Übungen strukturieren und z.B. über den Tag verteilt „Musikstunden“ einführen. Sie können Musik-Zyklen veranstalten und beispielsweise eine Woche lang nur Klaviermusik hören.
Wichtig: Hören Sie die Stücke mehrmals zu verschiedenen Tageszeiten in größeren zeitlichen Abständen und Sie werden zuletzt qualitative Verbesserungen feststellen!


Der Therapieaufbau

Dieser auf Herrn Egger exakt zugeschnittene Therapieaufbau soll Ihnen nun ansatzweise vermitteln, welche Inhalte und Therapiebereiche zu einem besseren Hörvermögen führten.
Wichtig ist hier noch einmal zu erwähnen, dass diese Art von Therapie eine sehr gute Zusammenarbeit und stetigen Austausch zwischen Therapeut und Patient erfordert. Mehr noch als in anderen Therapien ist der Therapeut auf eine genaue Rückmeldung des Patienten angewiesen, um eine individuelle, perfekt auf den Patienten zugeschnittene Therapie zu entwickeln.
Diese Inhalte können ebenso auf Patienten mit anderen Musikvorlieben wie z.B. Rock, Pop etc. übertragen werden – jedoch ist hierbei für jeden Patienten ein individueller Therapieaufbau erforderlich.

 

Stufe

Inhalt

Verfahren

Stufe 1

Frequenzunterscheidung

- Einzeltöne und Akkorde in sämtlichen Frequenzbereichen unterscheiden
- Intervalle verengen
- Übung begleitet Patienten die gesamte Therapie!
- sehr effektiver Therapiebereich!

Stufe 2

Rhythmik

- evtl. je nach musikalischer Vorerfahrung des

Patienten:

Rhythmen nachklatschen / trommeln / ..

Stufe 3

Stimmlagen

 

- Unterscheidung:

O männlich / weiblich

O Bass / Bariton/ Alt/ (Mezzo-)Sopran

Stufe 4

Musikinterpretationen

 

- Hören von unbekannter Musik

- Neue Musik interpretieren: Beschreibung von

Emotionen und visuellen Eindrücken / Bildern

- Verknüpfung von Emotionen mit unbekannter

Musik (Dopamine!)

Stufe 5

Instrumente

 

- Klavier, Cello, Violine, Trompete, Trommel,

Schlagzeug, Flöte.. an ihrer typischen

Klangfarbe erkennen lernen

- solo / im Tutti-Spiel

- live / Tonaufnahme (CD)

 

Auf dem Olymp des CI-Hörens befinden Sie sich dann, wenn Sie Symphonien, Opern und Chöre wieder mit Genuss und Freude hören können.
Dieses Ziel zu erreichen wünschen wir Ihnen von Herzen.

 

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