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Seit einem Jahr habe ich meine beiden Cochlea-Implantate (CIs). Es steht ein „Geburtstagskuchen“ für die Prozessoren, meine „Ohren“, auf dem Tisch: eine Packung Batterien mit einer Geburtstagskerze. Ein Jahr Cochlea-Implantate – für mich definitiv ein Grund zu feiern.
Ich wurde durch eine seltene neurologische Krankheit komplett gehörlos: zunächst auf einem Ohr, zweieinhalb Jahre später auch auf dem anderen. Dies jeweils von einem Tag auf den anderen.
Es war ein Montag, an dem ich beidseitig ertaubte. Am Dienstag gab mir eine Mitarbeiterin der HNO eine Informationsmappe über CIs. Sieben Monate war ich gehörlos. Die Hoffnung auf die Implantation gab mir Lebensmut. Als Prof. Dr. Müller mir nach entsprechenden Untersuchungen mitteilte, dass CIs bei mir möglich seien, weinte ich vor Freude.
Ich fand mich in besten Händen wieder: Er und Dr. Kraus waren damals für mich in Würzburg zuständig. Sie koordinierten in Zusammenarbeit die OPs und führten diese durch. Die rasche CI-Versorgung habe ich Ihrem Engagement zu verdanken.
So wurden beide Ohren innerhalb kürzester Zeit implantiert. Diese Zeit war für mich mit großen körperlichen Schmerzen verbunden: Nicht die Operation selbst oder die Operationswunden waren schmerzhaft: Durch den Kopfverband, den man einige Tage tragen muss, und die Wunden, habe ich eine Schonhaltung eingenommen, bei der sich meine Halsmuskeln schmerzhaft versteift haben. Ergo- und Physiotherapie waren hier - bei guter Mitarbeit - für mich heilsam.
Inzwischen konnte ich bereits ein halbes Jahr wieder hören. Die Freude daran folgte noch nicht. Ich war stets ein sehr musikalischer Mensch: Ich beherrsch(t)e mehrere Instrumente, war in verschiedenen Chören und produzierte elektronische Musik am Computer. Erst jetzt verstand ich langsam (und wiederum schmerzhaft): Das Hören, besonders das der Musik, wird nie wieder wie vorher. Wut packte mich. Aber auf wen? Trauer: Bloß die geliebten CDs nicht mehr sehen, bloß nicht durch Musikhören an den Verlust erinnert werden. Doch dem aus dem Weg gehen ist praktisch nicht möglich.
An diesem Punkt begann ich, die örtliche Selbsthilfegruppe aufzusuchen. Der Kontakt zu Menschen mit der gleichen Problematik, die vielen Informationsmöglichkeiten, z.B. über technische Hilfsmittel sowie das Wissen, dass man nicht alleine ist, halfen mir
Ebenso Geduld und Übung. Wie Sie sicher schon gehört haben, muss man nach der Erstanpassung des CIs das Hören erst lernen. Die ersten Tage sind wirklich anstrengend: Wirklich alles macht ein Geräusch und man erkennt erst einmal wenig. „Warum klopft in der Nachbarschaft ständig jemand auf Blech herum?“ –Es sind die nahen Kirchenglocken, die läuten. „Was ist das?“ –Ein Freiluft-Konzert, die Musik spielt. „Und was ist das?!?!“ –Das Blaulicht eines Krankenwagens. Gut, wenn man jemanden Hörenden hat, der einem auf diesem neuen Weg durch die Welt hilft. Keine Angst! Es sind nicht alle Geräusche fremd und neu. Es gibt so genannte „einfache“ Geräusche (z.B. das Öffnen einer Schublade, das Klopfen eines Stiftes auf dem Tisch).
Ich trainierte das Hören konsequent. Die Techniker des CI-Zentrums und die Würzburger Audiotherapeutin gaben mir hierzu Hinweise.
In den ersten Monaten habe ich mir selber täglich 30 Minuten vorgelesen. Gleichzeitig nahm ich das Gelesene auf meinem MP3-Player auf und hörte mir die Aufnahme zusätzlich an, zunächst mit Mitlesen im Text, später ohne Vorlage.
Von Anfang an guckte ich Fernsehen. Auf der Homepage meiner Lieblingsserie finden sich kurze Textzusammenfassungen der Handlung der jeweils heutigen Folge. Die studierte ich vor der Ausstrahlung. Nach einigen Wochen konnte ich so viel verstehen, dass ich der Handlung folgen konnte. Ich las dann bei Bedarf nur noch die Zusammenfassung der letzten Folge, falls ich, als ich diese sah, nicht alles erfassen konnte. Nach ca. einem halben Jahr konnte ich dem Geschehen ohne Weiteres folgen.
Komplex ist es, wieder das Musikhören zu lernen. Im ersten Jahr konnte ich nur fünf CDs, die ich sehr gut kannte, hören. Anstrengend waren aber auch diese. Ich hörte sie nie ganz durch; nur ungefähr zehn Minuten. Nach einem Jahr kann ich nun aus einem Fundus von ca. 40 CDs wählen. Ich vermag hier jeweils an die drei Lieder am Stück zu hören. Die genannten fünf Lieblings-CDs kann ich inzwischen ganz durch hören, auch nebenbei, während anderer Tätigkeiten.
Telefonieren muss, Sie werden es schon ahnen, wie alles andere, geübt werden. Ich tat das mit meinen Eltern, also mit Personen, deren Stimmen mir sehr vertraut sind. Inzwischen kann ich mit fremden Personen zehn, manchmal fünfzehn Minuten telefonieren. Gut ist, das in Situationen zu tun in denen man ausgeruht und entspannt ist. Zu Beginn eines Telefonats weise ich Personen, die mich nicht kennen, darauf hin, bitte langsam und deutlich zu sprechen, da ich schwerhörig bin
Zu meinem großen Bedauern kann ich momentan nicht mehr Gitarre spielen, d.h. ich kann sie nicht verstehen. Ich habe es weiterhin versucht, doch der Frust (und die Trauer) war nach einigen Wochen sehr groß. Nun lerne ich Bongo spielen! Rhythmusinstrumente sind in der Regel für CI-Träger gut verständlich und mir macht das Spielen viel Spaß. Und wer weiß? Vielleicht verstehe ich ja auch irgendwann auch die Gitarre wieder.
Anfangs habe ich die Prozessoren zur Entlastung zeitweise abgenommen, z.B. beim Lesen. Es ist jedoch empfehlenswert, sie häufig, am besten ständig, zu tragen, so lernt man schneller. Inzwischen trage ich die Prozessoren, wie andere Leute ihre Brille. Sie liegen neben meinem Bett; sobald ich wach bin, ziehe ich sie an.
Sie erleichtern mir auch dem Umgang mit dem Tinnitus, den ich habe: Wenn ich höre, lenkt mich das von den Ohrgeräuschen ab. Die Kosten für die benötigten Batterien übernehmen in der Regel die Krankenkasse.
Es geht mir heute sehr gut. Ich bin ausgesprochen dankbar für diese unglaubliche Möglichkeit: taub und trotzdem hören! Ich versuche meinen Blick nicht auf das zu richten, was ich verloren habe, sondern darauf, was ich wieder gewonnen habe.
Ich kann mittlerweile…(mit Hilfsmitteln):
Übrigens: Sprache verstehen mit CI ist für mich vom Klang her vergleichbar dem eines WalkieTalkies.
Silke Pausch (30), Würzburg