Bayr. CI-Tag in Augsburg, 09.06.2018 – Referent: Jens K.

Der Bayrische CI - Tag 2018 trug das Motto: „Hörst du schon – oder wartest du noch?“ Hierzu bot es sich förmlich an, dem interessierten Publikum neben den medizinischen Fachvorträgen, auch einmal eine andere Perspektive zu beleuchten – nämlich aus der Sichtweise eines Betroffenen. Und so berichtete Jens K, 27.J. über sein Leben vor und mit dem CI:

Im Gegensatz zu den heutigen Untersuchungen war Anfang der 1990iger Jahre ein Hörscreening für Neugeborene noch nicht verbindlich. So war es im Laufe meiner ersten Jahre für mich und Umstehende stets ein „Ratespiel“, ob ich auf beiden Ohren hörend war, oder doch nur auf einer Seite. Mit der Einschulung im Alter von sechs Jahren stellte sich heraus, dass tatsächlich nur eine Seite „in Betrieb“ ist. Trotzdem besuchte ich als „Einohriger“ während meiner Kinder - und Jugendzeit den (regulären) Kindergarten und die Regelschule – mit allen Vor- und Nachteilen. Nach meinem erfolgreichen Schulabschluss entschied ich mich für eine (duale) Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten.

Obwohl ich von Kindesbeinen an stets sorgsam mit meinem einzigen funktionstüchtigen Ohr umgegangen bin, bin ich nicht davor verschont geblieben, mehrmals extreme Höhen und Tiefen mit zu erleben: Während meiner Kinder- und Jugendzeit durchlitt ich mehrmals Hörstürze, welche immer mit kurzzeitiger (vollständiger) Taubheit einhergingen. Insbesondere der aller erste Hörsturz, welchen ich im Alter von 9 Jahren erfuhr, prägte mich fortan sehr. Morgens aufzuwachen nichts zu hören und der mündlichen Kommunikation am Frühstückstisch nicht folgen zu können schmerzte mich sehr. Trotz aller medizinischen Folgebehandlungen erlebte ich in den Folgejahren weitere Hörstürze, die immer ähnlich verliefen. Als Reaktion auf die ersten beiden Hörstürze ließ ich mir im Anschluss daran jeweils zur Stabilisierung meines Resthörvermögens Hörgeräte verschreiben, welche ihre Aufgabe jedoch so gut bewältigten, dass ich diese noch während der Testphase wieder zurückgeben konnte, da sich in der Zwischenzeit mein Resthörvermögen sich soweit wieder stabilisiert hatte, um ohne Hilfsmittel zurecht zu kommen.

Nach einer über zehnjährigen „Pause“ ohne weitere Beeinträchtigungen meines Hörvermögens kam der dramatische Absturz infolge der beiden (vorerst) letzten Hörstürze. Die zunächst eingeleiteten medizinischen Behandlungen zeigten keine positiven Wirkungen, sodass ich auch aufgrund der früheren Erfahrungen vorhergehender Hörstürze immer perspektivloser wurde. Schließlich rutschte ich in die Depression ab. Ich erfuhr in dieser Zeit wertvolle Unterstützung aus dem Familien- und Freundeskreis, was mir dabei half, mich neu zu orientieren. Auf der fünfwöchigen stationären Tinnitus - Reha im August 2014 befasste ich mich intensiv mit dem CI und entschied mich nach einer zweiten CI - Voruntersuchung für eine Implantation.

Obwohl ich mich noch mehrere Monate bis zur Operation gedulden musste, war ich in dieser Zeit sehr neugierig und zuversichtlich was das neue Hören anbelangte. Einzig am Abend vor der Implantation hatte ich erste Zweifel, ob mein Entschluss die OP anzutreten, doch der Richtige war.

Knapp zwei Wochen nach der Implantation durfte ich im Rahmen der stationären Erstanpassung erstmals mein CI in Betrieb nehmen – und wurde auch aufgrund meiner eigenen, hohen Erwartungen herbe enttäuscht. Nach über 20 Jahren Taubheit auf dem rechten Ohr spürte ich anfangs nur sehr laute Geräusche. Diese machten sich jedoch eher in Form von „Stromschlägen“, also Impulsen und Vibrationen in meinem Kopf bemerkbar. Hören konnte ich mit dem Implantat jedoch erstmal nichts.

Zu Beginn der einwöchigen Erstanpassung war es mir nur stundenweise möglich mein CI zu tragen, da ich wegen den neu ankommenden und vollkommen anders klingenden akustischen Informationen sehr starke Kopfschmerzen bekam. Eine Unterscheidung von Tönen oder Worten war mir zunächst nicht möglich.

Mir war im Vorfeld vor der OP durchaus bewusst, dass für mich die erste Zeit danach nicht leicht werden würde. Ich hatte jedoch nicht damit gerechnet, dass es hörtechnisch bedeutet einen kompletten Neuanfang zu wagen. Viele Geräusche hatten mit dem CI einen vollkommen anderen Klang und mussten fortan im Gehirn „neu konfiguriert“ werden.

Mit jeder neuen CI - Einstellung erlebte ich jedoch, dass sich mein Hörspektrum erweiterte. So kamen mit der Zeit immer neue Geräusche mit dazu. Manches klang mit dem CI wesentlich interessanter und merkwürdiger als zu regulären Bedingungen (also ohne CI) – das meiste war zu Beginn jedoch seltsam bis unangenehm. So brachten mich beispielsweise quengelnde Kinder mit ihren hohen und ungewohnten Frequenzen anfangs regelmäßig zur Verzweiflung. Nach der Erstanpassung startete ich für ein Jahr mein eigenes, tägliches Hörtraining. Mit viel Disziplin und Ehrgeiz kam ich bald zu neuen Hörerfolgen. So konnte ich nach einiger Zeit die (ersten) richtigen Stellen im Hörbuch erraten, später sogar hören und verstehen was gesagt wurde.

Einige Monate nach meiner CI - Implantation stand meine stationäre CI - Reha an. Ich bekam bei den täglich stattfindenden Einzel - und Gruppentrainings mit Logopäden eine sehr gute Möglichkeit geboten, um bei den Audiologen und CI - Einstellern danach die „richtigen“ Stellschrauben (also den implantierten Elektroden in der Gehörschnecke/Cochlea) zu „drehen“ und eine gute Basis für den Alltag an die Hand zu bekommen. Mittlerweile verstand ich sogar erste vollständige Sätze mit dem CI. Nach sechs Wochen „einseitigem“ Hören - einzig und allein mit dem CI - durfte ich am Ende der CI - Reha feststellen, dass sich in vielen Bereichen mein Hörvermögen auf der rechten Seite so sehr verändert hatte, dass mein Hörgerät (links) nicht mehr mit den Einstellungen des Cis kompatibel war.

Schon kurz nach der Erstanpassung kehrte ich zurück an meinen Arbeitsplatz, wo ich tagtäglich sehr viel Umgang mit Menschen unterschiedlicher Herkunft zu tun habe. Auch wenn es für mich am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig war, stellte es sich dennoch heraus, dass dies letzten Endes auch „nur“ eine andere Form des alltäglichen abendlichen Hörtrainings war, wenn auch bedeutend anspruchsvoller und deutlich kräftezehrender. Wie sehr die jeweiligen ambulanten und stationären CI - Einstellungen jedoch meine Hörerfolge beeinflussten bemerkte ich im beruflichen Alltag sehr schnell.

Mein Cochlea Implantat ist seit über drei Jahren ein alltäglicher Begleiter für mich geworden und hat mir in vielen Momenten gezeigt, dass meine Entscheidung für eine Implantation die Richtige war. Mittlerweile besuche ich wieder gerne Musik - oder andere Kulturveranstaltungen, da ich durch das CI deutlich mehr verstehe als vorher. Auch beim räumlichen Hörvermögen habe ich entsprechende Fortschritte gemacht. Zudem engagiere ich mich in einer Selbsthilfegruppe um Ratsuchenden Erfahrungen und Tipps weitergeben zu können.

Abschließend möchte ich jedoch daran erinnern, dass mit der Implantation/Erstanpassung die „Arbeit“ für den Implantierten erst richtig beginnt. Ein gewisses Maß an Eigeninitiative ist hierbei unabkömmlich. Manche hören infolge der Erstanpassung sofort, andere brauchen mehrere Monate um erste (kleine) Erfolge zu erzielen. Dennoch rate ich auch auf Grund von eigenen Erfahrungen zu Geduld, Gelassenheit und Zuversicht. Auch wenn es manchmal länger dauert, bis die Erfolge kommen, sollte man nicht frustriert aufgeben.

Zurück