Aktiv durch gutes Hören - Freizeit mit CI und HG - Bericht vom Infotag in München

von Regine Zille

Aktiv durch gutes Hören- Freizeit mit CI und HG- so lautete das übergreifende Thema der diesjährigen Informationsveranstaltung des BayCIV in München im Rahmen des 8. Deutschen CI-Tages.
Knapp 200 Teilnehmer, auch aus Baden Württemberg, fanden am 15. Juni den Weg ins Salesianum.
Dort erwartete sie ein buntes Programm aus Vorträgen und Workshops.
Im Vorraum des großen Vortragssaals hatten außerdem zahlreiche Aussteller ihre Infostände aufgebaut.
Regine Zille begrüßte pünktlich um 10 Uhr die Besucher. Zwei Programmschienen liefen parallel. Schon bei der Anmeldung konnte sich jeder Teilnehmer für einen oder mehrere Workshop eintragen. Man konnte wählen zwischen einem Gebärdenkurs, Technik, Entspannung, Qi Gong Rhythmusgruppe, Kunst (Graffiti) und einer Diskussionsrunde für Eltern und Partner.
Parallel dazu gab es ein umfangreiches Vortragsprogramm.

Prof. Markus Suckfüll

Prof. Markus Suckfüll vom Krankenhaus Martha Maria eröffnete den Reigen mit Ausführungen über das Thema: "Lebensqualität im Alter" - eine Frage, die eng mit dem Thema: "Gutes Hören" zusammenhängt.
Prof. Suckfüll machte deutlich, wie schwierig es ist, den Nutzen einer guten Versorgung mit Hörgeräten oder Implantaten wissenschaftlich nachzuweisen. Eindeutig kann aber festgestellt werden, dass Menschen, die ausreichend versorgt sind, weniger leicht in Depressionen oder in eine Demenz rutschen.

Dr. Claudia Teschke
Als nächste Referentin trat Frau Dr. Claudia Teschke vom Klinikum rechts der Isar ans Rednerpult. Vielen der Zuhörer ist Frau Teschke aus ihrer Arbeit als Logopädin gut bekannt. Sie referierte zum Thema: ‚Rehabilitation- ein wichtiger Baustein zum guten Hören‘. Hören mit CI will gelernt sein. Es bedeutet für den frisch versorgten Patienten eine große Herausforderung in jeder Hinsicht. Der Umgang mit der Technik ist neu, Ängste und Unsicherheiten müssen überwunden werden. Und vor allem muss das Gehirn lernen, die neuartigen Informationen, die durch das CI übermittelt werden, richtig zu dechiffrieren. Nach  Frau Teschkes Einschätzung ist dieser Prozess vergleichbar  mit dem Erlernen einer Fremdsprache  Anhand eines Hörbeispiels verdeutlichte sie den Prozess des Erkennens bzw. Wiedererkennens von Sprache. Sie spielte den Satz: „Now the number of active channels is 12.“ hintereinander so vor, wie er vermutlich klingt, wenn die Anzahl der eingeschalteten Kanäle sukzessive von 2 auf 12 erhöht wird. Bei der ersten Einspielung mit nur 2 aktiven Kanälen konnte man zunächst gar nichts erkennen, bei der Vollversion mit 12 Kanälen war der Sinn dann leicht zu erfassen. Schaltete man nun zurück auf die Versionen  mit reduzierten Kanälen, blieb das Sprachverständnis erhalten.

Nach diesem Prinzip funktioniert nach Frau Teschkes Erfahrung das Sprachlernen mit CI.

In der anschließenden Pause konnte man sich bei Kaffee oder Tee im Vorraum unterhalten oder sich an den zahlreichen Ständen informieren. Neben den Firmen Advanced Bionics, Cochlear und MedEl sowie einigen Hörgerätefirmen hatten der Fachdienst für Integration Taubblinder Menschen, der Gehörlosenverband München Umland, die Deutsche Tinnitus-Liga, der Schwerhörigenverein München, das Berufsbildungswerk Nürnberg und die Firmen TESS, Jaggo Media sowie PeLo-Hörsysteme ihre Infostände aufgebaut.
Thomas Jaggo, der auch die Installation der Lautsprecher- und Induktionsanlage besorgt hatte, demonstrierte an seinem Stand die Funktionsweise einer solchen Anlage am kleinen Modell. So konnte man sich dort - trotz der beträchtlichen Geräuschkulisse - über ein aufgebautes Mikro fast störungsfrei mit ihm unterhalten.

Prof. Joachim Müller

Es folgte nun ein medizinischer Vortrag von Prof. Joachim Müller, der am Klinikum Großhadern arbeitet. Prof. Müller hat die Entwicklung des Cochlea-Implantats fast von Anfang an begleitet und in seinem Vortrag: "Gehörerhaltende OP- Fakt oder Phantasie?" dokumentierte er zunächst schlaglichtartig die wichtigsten Stationen der Entwicklung des CI von den Anfängen bis heute. Ein beliebtes Schlagwort ist seit einigen Jahren die 'hörerhaltende Operation'. Hierbei wird versucht, den noch vorhandenen Hörrest des Patienten durch bestimmte Operationstechniken zu schonen und bestenfalls zu erhalten. Sinnvoll erscheint dieses Verfahren bei Patienten mit einer partiellen Taubheit, bei denen dann eine verkürzte Elektrode verwendet wird, die die hinteren und noch intakten Bereiche der Cochlea nicht erreicht. In diesem Fall wird eine Kombination aus Hörgerät und CI (Hybridmodell/EAS) als Audioprozessor verwendet.
Problematisch erscheint eine solche Versorgung jedoch in Hinblick darauf, dass der Erhalt des Restgehörs nicht garantiert werden kann und bei progredienter Schwerhörigkeit eine spätere Ertaubung nicht ausgeschlossen ist.
Es kann aber auch bei Patienten mit einem noch kleineren Hörrest sinnvoll sein den Erhalt dieses natürlichen Hörvermögens zumindest anzustreben.
Bei Insertion einer nur leicht verkürzten und besonders flexiblen Elektrode und dem schonenden OP- Verfahren konnte in Großhadern bei einer Gruppe von ausgewählten Patienten in 86 Prozent der Fälle das Restgehör zumindest teilweise erhalten bleiben.
Prof.  Müller bevorzugt den Begriff der strukturerhaltenden OP und wies darauf hin, dass bei diesen Patienten in keinem Fall Schwindel aufgetreten ist und dass auch das Hörverstehen in dieser Patientengruppe besonders gut ist.
Letztlich muss aber in jedem einzelnen Fall das Für und Wider sorgfältig abgewogen werden, um den optimalen Effekt der CI-Implantation langfristig sicherzustellen.

Prof. Werner Hemmert

Nun referierte Prof. Werner Hemmert vom Institut für Medizintechnik der TU München.
Prof. Hemmert arbeitet mit seinem Team an einigen für CI-Träger sehr relevanten Themen. Ausgangspunkt aller Forschung ist zunächst, das ‚normale‘ Hören in seiner ganzen Komplexität möglichst genau zu verstehen. Ausgehend davon kann dann ermittelt werden, welche Defizite die Hörwahrnehmung mit Hilfe der künstlichen Stimulation durch das CI aufweist. Ein Problem ist, dass sich der Strom im Innenohr sehr breit ausbreitet und dass verschiedene Elektroden sich überlappen. So werden die Hörnerven nicht ausreichend unterschiedlich stimuliert. Durch bestimmte Codierungsverfahren wird es dennoch möglich, dass Sprache erkannt wird.
Ein weiteres Problemfeld ist die zeitliche Präzision. Es wird daran gearbeitet, diese zu verbessern, um das Richtungshören von bilateral versorgten Patienten zu optimieren.
Auch um das Hören im Störschall kümmert sich die Gruppe. Hier gibt es die Idee, Störgeräusche einheitlich zu modulieren. Das hat den Effekt, dass das Gehirn das Nutzgeräusch leichter extrahieren kann, was zu einer erheblichen Verbesserung der Hörleistung im Störgeräusch führt.
Nach diesem inhaltlich sehr komplexen Vortrag gab es nun die Möglichkeit, den drei Referenten Fragen zustellen, was auch ausführlich genutzt wurde.

Irene Mende Bauer

Am Nachmittag lag der thematische Schwerpunkt auf der Betroffenenebene:
Wie gehe ich mit meiner Hörbehinderung um. Was kann ich als Betroffener machen? Wie kann ich an die Öffentlichkeit gehen und etwas erreichen?
Den ersten Vortrag zu diesem Themenfeld hielt Frau Irene von Mende-Bauer. Sie ist selbst betroffen und hat Schwerhörigenpädagogik studiert. Sie sprach über das Thema: "Wie gehe ich mit meiner Hörbehinderung offensiv um?"
Frau Mende-Bauer erzählte sehr humorvoll von typischen Situationen, die Hörgeschädigte im Gespräch immer wieder erleben. Sie gab konkrete Tipps, wie man es schaffen kann, die Bedingungen so zu verändern, dass man auch als Hörgeschädigter eine Chance hat,
Gesprächen zu folgen und sich selber mit einzubringen. Hierzu gehört u.a. das Ausschalten von Lärmquellen, wie Radio, die richtige Position im Raum, das Vermeiden von akustisch problematischen Räumen und eine sinnvolle Nachfragetechnik. Wichtigste Grundvoraussetzung ist natürlich, dass die Hörschädigung nicht versteckt, sondern offensiv vermittelt wird. Das hilft auch ungemein, Stress abzubauen und dadurch die Grundlage für eine entspanntere Kommunikation zu schaffen.

Diskussion mit Ursula Kölbel

Um das störungsfreie Verstehen in öffentlichen Räumen ging es im Vortrag von Ursula Kölbel. Sie stellte die Initiative ‘Induktion in Nürnberg‘ vor. Ziel der Initiative ist es, möglichst viele öffentliche Gebäude und auch Schalter z.B. bei der Bahn oder in Ämtern technisch so auszustatten, dass der Hörgeschädigte induktiv hören kann. Hierzu gab es in Nürnberg einen Zusammenschluss verschiedener Betroffener, die sich in die Thematik eingearbeitet haben, wie z.B. Edeltraud Kerschenlohr oder Margit Gamberoni, die bereits dafür gesorgt hat, dass die Stadt Bamberg  hervorragend mit Induktionsanlagen ausgestattet ist.
Frau Kölbel beschrieb auch die Schwierigkeiten und Herausforderungen, die immer wieder auftauchen. Über den Stand und die Qualität der Versorgung soll demnächst eine Broschüre herausgegeben werden. Frau Kölbel betonte, dass die Hörgeschädigten die Akustiker immer wieder auf das Thema Induktion hinweisen sollen und darauf bestehen, dass die T-Funktion im Hörgerät aktiviert wird, damit die Anlagen dann auch genutzt werden können.

Damian Breu

Den letzten Vortrag hielt Damian Breu: Ein Rückblick auf die Schulzeit mit CI und Hörgerät. Damian erzählte von seinem schulischen Werdegang - vom Montessori- Kindergarten bis zum Giselagymnasium, wo er in der Klasse für Hörgeschädigte vor ein paar Tagen sein Abitur ablegte. Es war ein Weg mit Höhen und Tiefen. Damian nahm für seinen Weg ein Bild zur Hilfe: Das Leben ist wie ein Baum, auf den ich klettere. Wenn ich auf einem Ast nicht weiterkomme, muss ich zum Stamm zurückklettern und mir einen anderen Ast aussuchen. Damian hat auf diese Weise sehr viel Lebenserfahrung gesammelt und  neue Wege für sich entdeckt. Einer führte ihn zum Tanzen.
Zum Schluss gab es dann auch eine kleine Kostprobe seines Könnens und nach der Kaffeepause wurden die Sieger des Graffiti- Wettbewerbs bekannt gegeben.

Eine Vorführung der Rhythmusgruppe bildete den schwungvollen Abschluss dieses bunten und rundherum gelungenen Tages.

 Text: Adelheid Braun, Coburg
Fotos: Simone Schnabel, München

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