Schlüssel zur Welt - Infoveranstaltung Erlangen

von René Zille

Immer besser hören…

…das wünschen sich Menschen mit Hörbehinderung und ihre Fachleute nach wie vor! So fanden sich am 29. Juni 2019 mehr als 150 Teilnehmer zur Informationsveranstaltung des BayCIVs in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Erlangen – HNO – CICERO im dortigen Hörsaalzentrum ein. Eine Veranstaltung ohne Barrieren dank Induktion, Mitschrift und DGS-Dolmetschen!

Herzlich begrüßt wurden die Anwesenden von der Organisatorin der Veranstaltung, Margit Gamberoni, 3. Vorsitzende des BayCIV und Regine Zille, 1. Vorsitzende des BayCIV, die sich ganz herzlich bei der TK Bayern für die finanzielle Unterstützung dieser Veranstaltung bedankten.

Schirmfrau Martina Stamm-Fibich, MdB und Mitglied im Ausschuss für Gesundheit und Petitionsausschuss des Bundestages sowie Patientenbeauftragte der SPD-Bundesfraktion:


Schlüssel zur Welt: Wer keinen hat, steht vor der verschlossenen Tür!

Schwerhörigkeit betrifft viele Menschen und dennoch sind die Schwierigkeiten der Betroffenen nicht im Ansatz bekannt, sagte Martina Stamm-Fibich, die gesellschaftliche Teilhabe noch keine Selbstverständlichkeit und auch die Vorbehalte gegen das CI sind noch vorhanden. Dank der Selbsthilfe-Verbände wie den BayCIV werden die Situationen der Menschen mit Hörbehinderung verbessert, auch dank der politischen Arbeit.

Professor Dr. med. Heinrich Iro, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Erlangen:


Auf Selbsthilfe angewiesen

Wir sind auf Sie, auf den BayCIV mit den Selbsthilfegruppen, angewiesen! Das ist die Einschätzung von Professor Iro, Dienstherr der 1100 Angestellten des Universitätsklinikums und Direktor der HNO-Klinik. Die Selbsthilfe wirkt gemeinsam mit uns darauf hin, dass Qualitätsstandards erhalten werden. Wirtschaftliche Gesichtspunkte dürfen die Qualität nicht dominieren! Unsere Veranstaltung möge mit dazu beitragen, dass das Cochlea Implantat eine ähnlich große Bedeutung bekommt, wie eine Hüft-Operation, für die es Zahlen gibt. Wir müssen die CI-Versorgung auf hohem Niveau standardisieren – auch mit Zahlen.

Christian Bredl, Techniker Krankenkasse Bayern:


TK – dem medizinisch-technischen Fortschritt verbunden

Die Selbsthilfe schätzen wir von der Techniker Krankenkasse als wichtige Ergänzung der medizinischen Versorgung an – und unterstützen sie dementsprechend. Betroffene über den täglichen Umgang mit ihren Einschränkungen zu beraten und sie zu betreuen, ist eine Aufgabe, die die Medizin nicht allein erfüllen kann. Diese Info-Veranstaltung des BayCIVs mit ihrem breiten Spektrum und acht Workshops begeistern mich. Dass taube Menschen mit CI (wieder) hören lernen, ist der TK seit Jahren ein wichtiges Anliegen. Wir fühlen uns dem medizin-technischen Fortschritt verbunden – und wir sehen die CI-Versorgung steht nicht am Ende des Fortschritts!

Prof. Dr. Dr. Ulrich Hoppe, Leiter des CICERO am Universitätsklinikum Erlangen

Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen neuen Sprachprozessor?

Für den Sprachprozessor-Austausch gibt es keine gesetzliche, medizinische oder audiologische Regel! Gründe für einen Austausch können sein: schlechtes Sprachverstehen, technischer Defekt, Verlust des SP, neue SP-Generation und andere. Wichtigstes Kriterium, wichtigster Anspruch an den SP ist, dass Sprache im Störgeräusch gut verstanden werden kann. Es ist möglich, mit einem neuen SP mit besseren Mikrofonen besser Sprache zu verstehen. Dies muss mit Mess-Situationen, die jeweils 45 Minuten dauern, im Alt-neu-Vergleich in der audiologisch getestet und in nach etwa zwei Wochen im persönlichen Umfeld bestätigt werden können. Die Gründe pro und contra SP-Austausch sind vielfältig und individuell, auch ein Alter von 65 Jahren kann ein Hindernis sein. Eine Fernbedienung ist kein Grund für einen neuen SP, auch nicht Bluetooth oder Wireless. Grundsätzlich sollten CI-Träger ihre Hörleistung audiologisch und technisch prüfen lassen, wenn sie spüren, dass sie schlechter zurechtkommen. In der Regel sollte man fünf bis sechs Jahre mit einem SP zurechtkommen. Normalhörende verstehen in allen Situationen – das ist das Maß, an dem wir uns orientieren.

Professor Dr. med. Heinrich Iro, Ärztlicher Direktor der Universitäts-HNO-Klinik Erlangen

Ist die Reimplantation eine Herausforderung an den Chirurgen?

Ein Implantat kann defekt sein oder es kann eine Infektion entstanden sein. Der Patient kann keinen Nutzen vom CI haben. Warum wurde implantiert, wenn es keinen Nutzen hat? Wenn wir nur den kleinsten Hinweis haben, dass der Hörnerv funktioniert, operieren wir: in dubio pro reo. Wenn der Patient nach zwei Jahren nicht hört, wird das CI reimplantiert. Nach 31 Jahren funktionieren noch 91 % aller Geräte. . Seit 2004 wird nur ein kleiner Schnitt angewandt, was weniger Entzündungen zur Folge hat. Sehr kompliziert werden Reimplantationen aus medizinischen Gründen. Die Wahl der neuen Elektrode – wieder die gleiche? – sowie ihre Platzierung in der Cochlea haben eine große Bedeutung. Durch die Neubildung von Knochen- und Narbengeweben ist das Hörvermögen nach der Reimplantation kaum vorhersagbar. Sehr viel Erfahrung in allen Bereichen sichert die Qualität der CI-Versorgung, dabei sehen wir einen Zusammenhang zwischen steigender Patientenzahl und sinkenden Komplikationen. Die Politik sollte jetzt Farbe bekennen! Das Implantat, das hinter dem Ohr eingesetzt wird, muss ebenso in ein eigenes Register überführt werden, wie das bei Orthopäden schon längst Pflicht ist.

Jochen Blaser, Techniker Krankenkasse Niedersachsen

Qualitätssicherung der CI-Versorgung aus Sicht der Krankenkasse

Die Fallzahlen der CI-Versorgung haben sich von 2009 bis 2015 verschoben. Es wurden weniger Kinder mit CI versorgt, dafür stieg der Anteil älterer Menschen von 23 % auf 38 %. 2015 gehörte das CI in 70 Kliniken zum Leistungsspektrum, 14 Krankenhäuser führen nicht mehr als zehn CI-Operationen durch. Aktuell sind es über 80 CI-Kliniken. Die TK ist davon nicht begeistert und wünscht sich eine höhere Spezialisierung. Die CI-Leitlinie aus dem Jahr 2012 ist unkonkret aufgrund vieler Soll- und Kann-Bestimmungen. Die TK hat nun eine Qualitäts-Offensive für die komplexe CI-Versorgung angestoßen: Die Kliniken können Leistungen nicht an Dritte delegieren, auch die audiologische Basistherapie und die lebenslange CI-Nachsorge müssen in der Klinik stattfinden. Kliniken verpflichten sich zur Mitarbeit im CI-Register. Kinder haben eine Lebenserwartung von 90 Jahren! Strukturerhaltende Operationen, die Implantat-Auswahl, die Operationstechnik und die Erstanpassung des Sprachprozessors haben Einfluss auf die Hör-Qualität. Nur die Krankenhäuser, die die CI-Versorgungskette im Nachgang gewähren können, dürfen dem Vertrag beitreten. Die CI-implantierende Klinik ist für den Gesamtprozess verantwortlich. In Bayern beteiligen sich die Universitätskliniken Würzburg und .Erlangen, mit der Medizinischen Hochschule Hannover läuft ein Parallelprozess. Der Gemeinsame Bundesausschuss wird bis 2021 Mindestmengen für CI-Operationen in den Kliniken vorgeben. Teilnehmerin: Wenn ich mit meiner CI-Klinik zufrieden bin, welche Bedeutung hat es dann, ob die Klinik dem Vertrag beigetreten ist – oder nicht. Keine! Wir von der TK wollen, dass Sie sich überlegen, wo Sie sich operieren lassen. Teilnehmer: Warum muss ich mich für die CI-Nachsorge an die Klinik binden? TK: Es ist sinnvoll aus Qualitätsgründen. Das ist ein Angebot für Sie, aber für die Klinik eine Verpflichtung, die Sie nicht annehmen müssen. Das Ergebnis – gutes Hörvermögen – sollte im Mittelpunkt stehen. Prof. Iro: In Zukunft wird es Veränderungen geben. Es können Kooperationen mit Hörakustikern vereinbart werden, außerdem wird die Digitalisierung auch in der CI-Nachsorge stattfinden.

Karin Dötsch, Nürnberg


Die Kunst des Hörens

„Hören ist keine Kunst, es ist auch keine Leistung. Der Mensch muss nichts tun, um zu hören.“ Weihnachten 1978, kurz vor meinem 18. Geburtstag hörte ich im Gespräch mit meiner Mutter mitten im Wort nichts mehr. Zack und aus. Zwei Hörgeräte glichen den Verlust mehr schlecht als recht aus. Jetzt war das Hören wirklich eine Kunst. 1984 war es mit dem rechten Ohr vorbei. Jedes Wort musste ich mir erkämpfen, Musik war ein ferner Planet, es war ein Geräusch. Die Rehabilitation und die Selbsthilfe waren für mich ein Segen. 1999 bekam ich das erste CI in Freiburg. Als ich Sprache verstehen konnte, war das CI meine Sonne, auch die Musik und ich sind wieder auf dem gleichen Planeten. 2009 folgte die Reimplantation aufgrund eines technischen Defekts – in Erlangen. Das CICERO-Team und Prof. Hoppe habe ich sehr schätzen gelernt. Meine Sorge war, was wird, wenn es nicht klappt und ich auch kein Restgehör mehr habe? Mit dem Zweiten hört man besser! Der Unterschied zum Hörgerät ist kaum zu beschreiben. Ich arbeite in einem Großraumbüro, weshalb ich gerne in einer Rehabilitation Strategien entwickeln würde – die Krankenkasse bewilligt das nicht. Um alles muss man kämpfen – doch es lohnt sich, nicht aufzugeben. Den vollständigen Erfahrungsbericht finden Sie hier.

Prof. Dr. Thomas Bohrer, Chefarzt für Thorax-Chirurgie am Klinikum Kulmbach


Zur Psychologie des Geldes in der Medizin

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Chirurg beschäftige ich mich mit Medizin-Philosophie und habe in Würzburg ein Philosofikum gegründet. Medizin beruht auf Vertrauen, heute wird die Medizin durch Ökonomisierung herausgefordert. Das Credo lautet: Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen und kein Krankenhaus. Oder: Unser Geschäftsprinzip beruht darauf, dass wir unsere Mitarbeiter auspressen wie Zitronen. Es ist berufsrechtlich bedenklich, wenn Begriffe der medizinischen Behandlung durch Begriffe der Ökonomie ersetzt werden – die Menschen reagieren dann nicht mehr empathisch. Denn: Worte sind auch Taten (Ludwig Wittgenstein). Patienten bekommen vom Arzt eine Behandlung, quasi ohne Garantie. Kunden bezahlen für perfekte Waren. Wird der Patient Kunde, ist der Schmerz außer Acht gelassen. Kunden kennen keine Schmerzen.
Die Ökonomie muss der Medizin immer untergeordnet bleiben. Im Moment ist es eher das Gegenteil. Mehr als je zuvor scheint es notwendig, ärztliches Handeln auf Ethik und Humanität zu gründen – das allein kann des Fundament des Vertrauens in die Medizin sein.

Text: Hanna Hermann

Workshops

Warum es falsch ist, in der Medizin über Kunden zu sprechen – Prof. Dr. Bohrer
Es ist berufsrechtlich bedenklich, wenn Begriffe der Medizin durch Begriffe der Ökonomie ersetzt werden. Wird der Patient Kunde, ist der Schmerz außen vor. Es geht nicht darum, Patienten zu versorgen, sondern für sie Sorge zu tragen.

Möglichkeiten und Grenzen des Audiologen bei der CI-Anpassung – Dr. Anne
Hast Die technischen Abläufe bei einer CI-Anpassung und Funktionskontrollen des Implantates und des SPs, objektive Messmethoden zur Überprüfung des Hörnervens sowie die Mitwirkung des CI-Trägers an der Anpassung wurden erläutert. So ist es möglich, aktiv an der CI-Anpassung mitzuwirken, gezieltere Fragen zu stellen sowie Wünsche bei der Anpassung besser auszudrücken.

Tipps und Tricks beim Telefonieren mit CI und Hörgerät – Cynthia Glaubitz M.Sc.
Die Anforderungen beim Telefonieren mit CI bzw. Hörgerät wurden herausgestellt, ebenso Möglichkeiten zur Optimierung der Telefonsituationen. Technische Aspekte sowie kommunikative Maßnahmen wurden diskutiert, Tipps zum Telefontraining gegeben und geeignete Telefone sowie technische Hilfsmittel, die das Telefonieren mit CI und HG erleichtern können, vorgestellt.

Hörtrainingsmöglichkeiten für Zuhause für CI- und Hörgeräteträger – Effi Lehmann M.Sc.
Übung macht den Meister! Es gab die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen über Übungsmöglichkeiten auszutauschen, eigene Erfahrungen mitzuteilen sowie Informationen und Empfehlungen zum Hörtraining für Zuhause zu erhalten.

Musikhören – eine besondere Herausforderung für CI- und HG-Träger – Stephanie Tinoco M.Sc.
Mit regelmäßigem Training sowie der passenden Einstellung der Hörsysteme kann ein Musikgenuss mit CI und HG möglich sein. Es wurde durch Übungen zum selbstständigen Musiktraining angeleitet, Materialvorschläge und Tipps für Zuhause gegeben. Die Betroffenen motivierten sich gegenseitig zum Musiktraining.

Magnetresonanztomografie (MRT) bei CI-Trägern – Dr. Frank Digeser
Das MRT wurde dargestellt und zur Computertomografie abgegrenzt. Erläutert wurden die Auswirkungen der starken magnetischen Felder des MRT auf das CI sowie Vorsichtsmaßnahmen, um den Risiken von Schmerz und Magnetdislozierung vorzubeugen. Risikominimierung vor einer MRT-Untersuchung und herstellerspezifische Unterschiede wurden besprochen.

Technik und Zubehör für Hörsystem-Träger – Alexander Gsänger B.Sc.
Es gab eine Übersicht zu verschiedenen speziellen technischen Hilfsmitteln, die den Alltag von Hörbeeinträchtigten erleichtern können, dazu zählten FM-Anlagen, Telefone und Wecker. Es wurden Funktionsweisen der technischen Hilfsmittel und Möglichkeiten der Kostenübernahme aufgezeigt.

Entspannung mit FM-Anlage – Irmhilde Maier, Physiotherapeutin
Nach der Erschöpfung, die den interessanten Vorträgen und dem Austausch mit den vielen neuen und alten Gesichtern in geräuschvoller Kulisse geschuldet war, freute ich mich, spontan noch einen Platz im Entspannungsworkshop ergattert zu haben. Geleitet wurde dieser von der Physiotherapeutin Irmhilde Maier, die selbst zwei Cis trägt. In einer kurzen Einführung erklärte sie uns kurz, welche gängigen Entspannungsmethoden es gibt und wo die Unterschiede liegen. Sie berichtete aber auch genau das, was auch ich in der Vergangenheit erlebt habe: Bei Entspannung ist es typisch, dass die Teilnehmer die Augen schließen und die Leiter recht leise sprechen. So sitzt oder liegt man als Hörgeschädigte da und kann sich gar nicht entspannen, weil die Anstrengung so groß ist den Anweisungen annähernd folgen zu können.
Ein Aha-Erlebnis hatte ich, aber auch viele der anderen Teilnehmer an diesem Tag. Schließlich konnten die meisten unter uns Irmhilde Maiers Anweisungen dank dem Einsatz der FM-Anlage an entspannt folgen und die Seele während den praktischen Übungen und der Phantasiereise wirklich baumeln lassen. In einer abschließenden Gesprächsrunde hatten wir die Gelegenheit unsere Gedanken, die uns durch den Kopf gingen zu äußern. An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal bei der Workshop-Leiterin Irmhilde Maier für die Ermöglichung der positiven Erfahrung bedanken! (Text Workshop Entspannung: Veronika Fischhaber).

Fotos: Olaf Dathe

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