Südtirol – Kulturelle Vielfalt zwischen Almen und Palmen

von René Zille

Unter diesem Motto lud der Bayerische Cochlea-Implantat-Verband e.V. Hörbehinderte und gut Hörende zu seiner 2. Studienreise vom 1.-5. September 2018 ein. Wie vor 2 Jahren führte uns Margit Gamberoni, sehr gut vorbereitet und kompetent in allem, was das Land mit seiner Geschichte, Geografie, Politik, die Leute mit ihrer Herkunft, ihrer Mentalität, ihrem Bildungswesen, ihrem volkskundlichen Brauchtum und ihren sprachlichen Unterschieden anbetrifft. Gesprochen wird deutsch (70 %), italienisch (26 %) und ladinisch (4 %). Wir bevorzugten Deutsch. Bei bestimmten Schildern ist die deutsche Sprache an erster Stelle, bei anderen die italienische usw. Margit Gamberoni machte uns auch noch mehr Appetit auf Südtiroler Wein und Äpfel. In und um Meran sahen wir riesige Apfel- und Weinplantagen. Zu den Äpfeln heißt es: „Die sauren gehen in den Norden, die süßen in den Süden“. Wir hatten am vorletzten Tag unserer Reise auch die Gelegenheit, an einer Weinverkostung teilzunehmen. Der Weinhof Kobler an der Südtiroler Weinstraße ist 2,5 ha groß; dies entspricht einer Produktion von etwa 16000 Flaschen Wein im Jahr. Koblers haben sich auf Chardonnay, Ruländer, Gewürztraminer, Cabernet Franc und Merlot festgelegt. Frau Kobler, Margit Gamberonis Nichte, führte uns umfassend in die Bedingungen des Weinanbaus (Böden, Lese per Hand, Maschinen, Herstellung nach ökologischen Verfahren, Genossenschaft, Unterschiede zwischen den Weinen) ein – und dann durften wir kosten … Mmmhh.

Wir waren 52 Teilnehmer. Unsere älteste war schon 90 Jahre alt und noch bewundernswert fit. Aber was sind schon 90 Jahre im Vergleich zu den 5250 Jahren des „Ötzi“, den wir vor unserer Abreise aus Südtirol im Südtiroler Archäologiemuseum der Landeshauptstadt Bozen besuchten? Gefunden wurde die durch Gefriertrocknung konservierte und geschrumpfte Leiche 1991 von einem Nürnberger Ehepaar beim Wandern in den Alpen. Da wurde es für die Forschung recht spannend. Ötzi brachte aufgrund des Beils mit Kupferklinge, das er mit sich geführt hatte, sogar bisherige „wissenschaftliche“ Theorien über das Alter der Kupferzeit zum Einstürzen. Kupfer muss es schon 1000 Jahre früher gegeben haben als bisher angenommen. Beim Ansehen der Mumie konnten wir schon Gänsehaut bekommen. Beeindruckend aber ist, wie die Wissenschaft heute ziemlich exakt in der Lage ist, die Größe des Mannes (154 cm), sein Alter (Mitte 40 Jahre), seine gesundheitliche Verfassung vor 5000 Jahren (z.B. Bandscheibenverschleiß, Blutgruppe oder Laktose-Intoleranz), anhand der Zähne und des Mageninhalts seine damalige Ernährungsweise, seine durch das Einreiben von Kohlenstaub in kleine Wunden entstandenen Tätowierungen (die ältesten bekannten Tätowierungen überhaupt), seine Kleidung und seine Todeszeit (Analyse des Darminhalts und gefundene Pollen), sowie die Todesart festzustellen. In der linken Schulter wurden die Spuren eines Pfeilschusses festgestellt. Der Pfeil durchschlug die Hauptschlagader; Ötzi muss dadurch auf das Gesicht gefallen sein und noch ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten haben.

Für alle 52 Teilnehmer gestaltete Margit Gamberoni Mappen mit vielen in Südtirol bei all den verschiedenen Besichtigungsorten angeforderten Prospekten und Karten. Sie verfasste eine Übersicht über die verschiedenen Sprachgruppen im Lande, über den Südtiroler Dialekt, ein Glossar der Südtiroler Küche und hielt die Eckdaten der Geschichte Südtirols fest. Selbst die Vorstellungsrunde am ersten Abend war mit einem Spiel über die Geschichte und Volkskunde Südtirols verbunden. Die so interessante Geschichte über die Autonomie Südtirols wurde uns in diesen Tagen mehrfach erzählt, sei es von Margit Gamberoni selbst, von der Südtiroler Reiseleiterin oder während eines ausführlichen Vortrags des Meraner Landtagsabgeordneten (Grüne), des Historikers und Landeskundlers Professor Hans Heiss zum Thema „Südtiroler Identitäten“. Auch einer unserer Teilnehmer, Stefan Theilacker, konnte Landeskundliches beisteuern. Das Rätselraten über die Herkunft des Ötzi, gefunden in der Grenzregion zwischen dem österreichischen Bundesland Tirol und der italienischen Provinz Südtirol, hat bis heute nicht aufgehört. Und so heißt es scherzhaft (Angehörige der genannten Nationen mögen es uns verzeihen, es handelt sich um einen deutschen Witz):

„Aus Österreich kann er nicht gekommen sein, dazu war sein Hirn zu groß. Italiener kann er nicht gewesen sein, weil er Werkzeug dabei hatte. Möglicherweise war er Schweizer, weil nur die so langsam sind, dass sie sich von einem Gletscher einholen lassen. Wahrscheinlich aber war er Deutscher, weil: Wer sonst würde mit Sandalen ins Gebirge gehen? Man weiß also nicht so genau, woher Ötzi kam. So gesehen ist Ötzi ein Südtiroler, denn sicher weiß man nur – er war Europäer!“

Unser Busfahrer Stephan Makó war sehr umsichtig und hilfsbereit und steuerte unsere Ziele nach Möglichkeit so an, dass wir kurze Fußwege hatten. Einfach war dies nicht, denn der Bus hatte eineinhalb Meter Überlänge, und es gehörte wirklich viel Geschick, Konzentration und Geduld dazu, diesen Bus in den schmalen Kurven zu lenken, oder richtig einzuparken. Auch hatten wir auf Hin- und Rückweg Stau, so sehr sogar, dass wir am 1. September von München bis Meran etwa 7 Stunden benötigten. Ein Teil dieses Staus war natürlich auf der Brennerautobahn. Aber so etwa ab 2025/2026 soll es ja damit besser werden, wenn der zwischen Innsbruck und Franzensfeste geplante, wesentlich von der EU geförderte, österreichisch-italienische Brennerbasistunnel (Eisenbahn) in der Länge von 55 km in zwei Röhren und weiteren Nebenstollen (Sicherheit, Entwässerung usw.) fertiggestellt sein wird. Damit würde sich die Reisezeit von Innsbruck nach Bozen von heute gut zwei Stunden auf weniger als die Hälfte reduzieren.

Vom Brenner selbst geht die Sage, dort sei es 8 Monate Winter und 4 Monate kalt – im Bus merkten wir nichts davon. Die Brennerbahn wurde direkt durch das mittlere Fort der einst österreichischen Franzensfeste geführt. Die Festung galt als uneinnehmbar, musste aber kaum kriegerischen Auseinandersetzungen dienen. 1943 wurden dort von der deutschen Militärverwaltung 127,5 Tonnen Gold aus der italienischen Bank eingebunkert. Ein Teil des Goldes ist in den Kriegswirren spurlos verschwunden; leider konnten wir das restliche Gold während der Staus auf der Brennerautobahn nicht finden.

Wir hatten eine schöne Fahrt durch das Eisacktal, vorbei an den von vielen Wolken bedeckten Bergen und Felsen, an Wäldern und saftig grünen Tälern. Immer wieder sahen wir hoch gelegene Kirchen und Burgen, wie z.B. das Kloster Säben, das früher Bischofssitz war und seit über 400 Jahren nun ein Bendediktinerinnenkloster ist. In einer solchen Landschaft ist es nicht verwunderlich, dass gleich zwei Minnesänger im Mittelalter dort mit ihren Liedern berühmt wurden: Friedrich von Sonnenburg und vor allem Oswald von Wolkenstein.

Endlich waren wir in Meran in unserem guten Jugendstilhotel mit vier Sternen, das Grand Hotel Bellevue, in dem wir abends 4-Gänge-Menüs bekamen. Am nächsten Tag war der Himmel uns zunächst keineswegs gewogen, und die Stadtführung fand mit Regenschirmen statt. Wir wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Unsere optimal deutlich sprechende Führerin erzählte sehr anschaulich von den Höhen und Tiefen Merans, u.a. bis 1414 als Residenz der Habsburger, als Münzprägestätte und dann als Kurstadt dank des milden Mittelmeerklimas und 300 Sonnentagen im Jahr - zunächst vor allem für Lungenkranke wie Franz Kafka. Sie führte uns zum Alten Kurmittelhaus und zur neugotischen Evangelischen Christuskirche. Weiter ging es zum schönen Stadttheater im Jugendstil, zur 2005 erbauten Therme an der Passer, zur so manches Mal überfluteten Passerpromenade, zur romantischen, 400 m langen Laubengasse aus dem 13. Jahrhundert, eine der Hauptgeschäftsstraßen Merans. Als Wahrzeichen Merans gilt der Dom, die römisch-katholische, spätgotische Stadtpfarrkirche St. Nikolaus aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Ein weiteres Wahrzeichen Merans ist das Kurhaus an der Passerpromenade. Ebenda erzählte uns unsere Stadtführerin von den in Meran vorkommenden mediterranen und subtropischen Pflanzen wie Palmen, Zypressen, Feigenkakteen, Olivenbäume, Agaven u.a.

Nachmittags aber besuchten wir bei Sonnenschein ein besonderes Pflanzenparadies: die Gärten um Schloss Trauttmansdorff mit mehr als 80 bunten Gartenlandschaften auf einer Fläche von 12 ha, mit Künstlerpavillon, Erlebnisstationen und einer Volière. Von Trauttmansdorff, dem frühesten Beispiel neugotischen Burgenbaus in Tirol aus hatten wir eine herrliche Aussicht auf die Berge und Täler Südtirols. Kaiserin Sissi war oft auf Trauttmansdorff, es wurde wegen seiner sonnigen und windgeschützten Lage zu ihrem Winterdomizil. Der Spazierweg zwischen Meran und Trauttmannsdorff heißt daher auch „Sissi-Weg“ (3 km). In den Schlossräumen befindet sich das überaus sehenswerte und amüsante Touriseum, das mit lebensgroßen Figuren, witzigen Modellen, einem Theater u.a. auf drei Etagen 200 Jahre Tiroler Geschichte zeigt.

Nach Historie und Flora verwöhnte uns abends eine Nichte von Margit Gamberoni, Dietlind Kasseroller, mit ihren Musikerkollegen mit einem Musikabend. Ich lasse hier eine andere Teilnehmerin erzählen:

„Auf diesen Abend freute ich mich besonders, wollte ich doch schon als 9-jährige das Zitherspiel erlernen. Anlass war ein altes Erbstück von einem entfernten Verwandten und die Nähe zur Kärntner Volksmusik, welche dieses Instrument vielfach verwendet. Leider blieb mir dieser Wunsch damals verwehrt. So träumte ich zeitlebens von diesen schönen Klängen. In dem wunderschönen kleinen Saal des Meraner Hotels Bellevue konnte ich diesen Traum dann gut zwei Stunden leben. Es war einfach wunderbar, der in Tracht gekleideten Zithergruppe Sedezim zuzuschauen und zuzuhören. Der Herr begleitete mit seiner Bassgeige. Die sehr erfahrene Gruppe spielte so gut, dass sie tosenden Applaus von uns erntete. Ich selbst war überrascht, konnte ich doch trotz zwei Cochlea-Implantaten recht gut die Klänge differenzieren und empfand die Musik als belebend und wohltuend zugleich.“ Ein wunderschönes Beispiel dafür, dass manche CI-Träger Musik genießen können.

Was aber wäre ein Urlaub in Südtirol ohne eine Dolomitenrundfahrt? 2009 wurden die Dolomiten in die Unesco-Liste der Weltnaturdenkmäler aufgenommen, und Reinhold Messner sagt: „Die Dolomiten sind die schönsten Berge der Welt“. Er ist ja „Fachmann der Berge“, er muss es wissen! So sehr viel lässt sich nicht zu diesem Erlebnis sagen, diese Schönheit der grandiosen Bergwelt mit ganz gelegentlich etwas Schnee und tiefen Wolken muss jeder selbst erleben und wird überwältigt sein. Sachlich gesehen waren wir zuerst am tiefgrünen Karersee (1520 m), der aus unterirdischen Quellen aus dem Latemargebirgszug gespeist wird. Dort grüßt der 8 km lange Gebirgszug Rosengarten. Die nächsten Ziele waren Passo Pordoi 2239 m, die Sellagruppe und der Passo Sella 2244 m. Ein gewaltiges Fahrprogramm für Stephan Mako. Über das Grödner Joch (2121 m) ging es hinunter zum Grödner Tal, der Hochburg der ladinischen Sprache und dem Zentrum des Grödner Kunsthandwerks. Der Hauptort St. Ulrich (ladinisch: Urtijei) in immerhin noch 1237 m Höhe hat ein Museum, in dem Grödner Holzschnitzereien aus 400 Jahren ausgestellt sind. Außerdem beherbergt es ein Archiv des dort geborenen Luis Trenker. Last not least liegt St. Ulrich wunderschön zwischen den Bergen - u.a. die Seiser Alm - und zu den Kastelruther Spatzen ist es auch nicht weit.

Am nächsten Tag fuhren wir zum Schloss Sigmundskron. Dieses Schloss ist zum einen für die Südtiroler ein wichtiges politisches Symbol. Deshalb erhielt ich dort von meiner Südtiroler Freundin aus dem Pustertal noch weitere sehr aufschlussreiche Informationen zum Verständnis des Südtiroler Autonomiebestrebens. 1957 forderten auf Sigmundskron 30 000 Südtiroler unter dem Motto „Los von Trient“ die Freiheit von Südtirol. Zum anderen befindet sich auf Sigmundskron eines der 6 Messner-Mountainmuseen.

Die Weiterfahrt war auf der Südtiroler Weinstraße. Im Kalterer See konnten vier von uns baden, und sie waren begeistert. Es ist der wärmste See der Alpen (im Sommer 28 Grad). Die Wasserqualität ist sehr gut. Mal ist der See tiefblau, mal grün wie die ihn umgebende mediterrane Landschaft. Andere fuhren zur erwähnten Weinverkostung in Margreid an der Weinstraße. Eine weitere Gruppe stieg in St. Anton, der Talstation der Mendelbahn aus. Auch hier lasse ich eine Teilnehmerin selbst berichten:

„Durch Wald und Felsengelände, unter Tunnels hindurch zieht sich die Mendelbahn von St. Anton bei Kaltern bis hinauf auf den Mendelpass (1362 m). Dabei überwindet die Bahn in einer 12 Minuten langen Fahrt 854 Höhenmeter und eine Steigung zwischen 57 und 64 %. Mit einer Strecke von 2370 m ist sie die längste und steilste Standseilbahn Europas. Die Bahn wurde von einem Schweizer Ingenieur in nur 14 Monaten gebaut und ist seit 1903 in Betrieb. Oben am Mendelpass angekommen, hatten wir einen wunderschönen Blick auf die Berge und hinunter auf den Kalterer See. Es gibt dort schöne Hotels, in denen früher Kaiser und Könige einkehrten. Einige von uns wanderten auf dem Mendelpass und entdeckten einen besonders hohen Ameisenhaufen im Wald. Wir anderen gingen zum Shoppen. Und dann ging es wieder zur Talstation, wo wir von Stephan Mako abgeholt wurden.“

Ein guter Ausgleich: Eine Gruppe promeniert in der Sonne hoch oben auf dem Berg, eine Gruppe bevorzugt in der Tiefe des ebenfalls sonnenbeschienenen Kalterer Sees das Wasser und unsere Gruppe hält sich in der goldenen Mitte auf und erforscht, ob im durch die Südtiroler Sonne verwöhnten Wein die Wahrheit liegt.

Auch am letzten Abend beschäftigten wir uns mit der Realität im Land. Wir hatten Besuch von Mitgliedern des Südtiroler Elternverbandes hörgeschädigter Kinder und der Südtiroler CI-Gemeinschaft und konnten so einiges von den Unterschieden in der Hörgeschädigtenszene zwischen Südtirol und Deutschland erfahren.

 

Übrigens waren wir während der gesamten Reise hervorragend mit Technik für Hörgeschädigte versorgt. Und nicht nur das: Auch die gut Hörenden bekamen bei Bedarf Kopfhörer. Danke an Margit Gamberoni, dass sie so gut für uns alle gesorgt hat. Wenn sie im fahrenden Bus sprach, drehte sie sich stehend zu uns, so dass die, die wie ich auf das Absehen angewiesen sind, hervorragend verstehen konnten.

 

Realität war auch: Nach Deutschland zurück ging es am nächsten Tag über Bozen und wieder gab es Stau. Aber wir gaben uns wunderschönen Erinnerungen hin.

Text: Irmgard Schauffler mit Elke Maier und Uschi Wendlandt

Fotos: Karl Schloddrik, Sabine Grehl, Margit Gamberoni

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